Freitag, 11. Juni 2010

RE: 74 bis 77 Kenos Barmbekblog

79
Gaevle 06.06.2010
     60° 41,6´N    017° 13,4´E

 

Um kurz vor zwoelf komme ich mit meinem Eis (es ist Sonntag)
auf die Bruecke. Der Lotse ist schon da, um 11.58 biegen wir in die
Holmuddsraennan ein, die ich vor einem Jahr schon mal detailliert beschrieben
habe: Knapp zusammengefasst eine 2 km lange & 10,90 m tiefe schmale Rinne,
die mal in den felsigen Untergrund gesprengt wurde.  Wir fahren da mit 8,50 m
Tiefgang & 6 kn Geschwindigkeit durch. Ab & zu mache ich ‘ne
Notiz in der Karten, an welcher Stelle wir wann sind, notiere auch mal was im
Bell Book, dem Manoevertagebuch, aber ansonsten sehe ich mir an, wie wir durch
die hohle Gasse kommen & was fuer schoene
“Bullerbue”-Holzhaeuser hier rumstehen, der Sonnenschein passt gut
zu meinem Eis.

Bis jetzt um 20.00 passierte nichts sehr spektakulaeres:
Eigentlich muesste ich nach dem Anlegen die Wasserdichte messen, weil ich die
aber noch im Kopf hatte vom letzten Mal habe ich schon in Rauma 1,000 auf die
entsprechende Deck 6-Tafel geschrieben. Was hier allerdings von Standard
abwich: Wenn wir hier in Gaevle anlegen, markiert ein grosser roter Kegel die
Stelle, an der unser Heck sein muss. Das haben wir beim Anlegen exakt
eingehalten, aber spaeter meinte der Chiefmate, dass die Containerbruecke nicht
an unsere Luke 1 rankommt & wir mithin 42 Containerverbindungsstuecke
(sogenannte “self-hanging” bzw “stacking cones”) von
Hand an Land geben sollen. Da meinte ich nur: Das koennten wir wohl machen,
aber was ist mit den Containern, die in Luke 1 unter Deck stehen, die sollen
doch hier ausgeladen werden? Da hat er dann den Planer angerufen & die
Ueberraschung: Der sagte, er wuesste schon von dem Problem! Da fragen wir uns,
warum er dann nicht gehandelt hat. Merkwuerdige Arbeitsauffassung. Er versprach
aber, sich um eine Genehmigung fuer das Verholen um wenige Meter zu kuemmern
& uns zurueckzurufen. Spaeter kam irgendeiner von den Hafenarbeiterheinis
zu mir & meinte, wir koennen unser Schiff nun bewegen, es waere alles
geklaert. Obwohl ich ja bei vielerlei Dingen ein Freund von “kurzen
Dienstwegen” bin, habe ich ihm gesagt: “Erst muss Dein Planer bei
uns anrufen, eher machen wir hier ueberhaupt nichts”. (Da kann ja jeder
kommen, vor allem: Ein Schiff ohne Lotsen in einem fremden Hafen zu bewegen ist
was anderes als ein Auto umzuparken, das kann u.U. riesige Strafzahlungen nach
sich ziehen, wenn es auch nur um wenige Meter geht). Die Sache an sich
funktionierte relativ einfach & war in wenigen Minuten erledigt: Waehrend
ich vorne mit zwei Matrosen war, hantierte der Erste achtern mit zwei Helfern.
Wir fierten (=rausgeben) die Leinen, die “nach vorne zeigen” &
hievten (=ziehen) die anderen. Somit bewegte sich die BARMBEK ganz langsam
rueckwaerts. Sobald die Krananweiser mir zeigten, es wuerde passen, machten wir
wieder alles fest & das war’s. Was wie immer dabei am laengsten
dauert, ist das Ein- & Aus-Kuppeln der Winden, das Feststellen ihrer
Bremsen & das Belegen der gruenen Leine. Zusaetzlich zu den normalen,
weissen, aufgetrommelten (Polypropylen-)Leinen, von denen wir vorne &
achtern jeweils vier Stueck haben, muessen wir naemlich jeweils immer noch eine
gruene (Dyneema oder so aehnlich) nehmen. Nicht unbedingt immer sinnvoll, aber
der Kapitaen ist der Kapitaen & der will das so haben.

Gute Nacht.

 

nnnn

 

Sonntag, 30. Mai 2010

76 Antwerpen-Delwaidedok 27.05.2010

76 Antwerpen-Delwaidedok 27.05.2010           51° 19,6´N   
004° 20,6´E

 

Um kurz nach sechs ging meine nachmittags-Hafenwache zu Ende
& ich glaube, es war die schlimmste, die ich bisher erlebte. Dass es im
Hafen stressig sein kann, kenne ich ja, auf der “Rialto Bridge” war
es z.B. in Shanghai nicht einfach, den Ueberblick zu behalten bei 5
Containerkraenen, Ersatzteillieferungen, Besatzungswechsel, Technikern &
Schweissern von Land fuer Arbeiten an Deck & in der Maschine,
Proviantlieferungen, Behoerdenleuten usw. Das Schiff hatte 3800 TEU & Pontonlukendeckel.

Aber diesmal ging es nur um ein 1600 TEU-Schiff, dennoch war
es – fordernd: Wir luden u.a. 166 Kuehlcontainer & das allein ist
schon eine nervenaufreibende Sache, da der Deckswachmann & ich die selbst
anschliessen muessen & ich zusaetzlich noch kontrollieren muss, ob sie
korrekt funktionieren. Darueberhinaus schreibe ich noch die Temperaturen auf,
die eingestellte & die aktuelle. Zusaetzlich wird bei jedem Kuehlcontainer
die tatsaechliche Position notiert, denn kein einziger! von denen wurde
dahingestellt, wo er geplant war. Weil es soviele sind, werden die meisten
unter Deck gefahren, so dass man immer runter & raufklettern muss. Wie
immer mussten wir uns aber auch darum kuemmern, dass die Luken hydraulisch auf-
und zugefahren wurden & die sogenannten Stopper in den Schachtfuehrungen in
die jeweils korrekte Position kamen. Was der Dritte mir nicht gesagt hatte, war
das wir schon um 1200 leicht auf dem Kopf lagen (Tiefgang vorne groesser als
hinten). Unser Heck kam zu stark aus dem Wasser, unsere Gangwayplattform wurde
dadurch zerstoert. Die normale Gangway ist schon seit Wochen kaputt, so dass
wir auf die sogenannte mobile Gangway angewiesen sind. Dies reicht eigentlich
schon fuer eine ausgefuellte Ladunswache, aber dann entdeckte unsere Schiffscrew
noch eine gelbliche, oelige Fluessigkeit, die sich um unser Schiffsheck
ausbreitete: Oelunfallalarm! Der Hafen von Antwerpen ist der dreckigste Hafen,
den ich bisher gesehen habe. Aber selbst hier ist ein Oelunfall eine ernste
Angelegenheit. Waehrend der Chiefmate sich draussen mit unserer Crew um die
Sache & um die Gangway kuemmerte, war ich im Ladebuero mit Ballasten
beschaeftigt bis er mich
abloeste. Der Kapitaen verstaendigte die zustaendigen Stellen, drei Stunden
spaeter kamen dann Polizei und ein Boot einer Oelbekaempfungsfirma
(“Pollution Fighter I”), das eine Oelsperre auslegte. Von Land aus
sollte dann das Oel von der Oberflaeche abgesaugt werden. Jemand sagte unserem
Chief, wir muessen kurz die Maschine starten, damit das Zeug an Land gedrueckt
wird, aber dann erschien der Dockmaster
(Hafenkapitaen), der ebendies sofort untersagte. Darueberhinaus uebergab er
unserem Kapitaen ein Formular, das das Ablegen untersagte. Das ist das
sogenannte “an die Kette legen”. Wir sollten die Abfahrtgenehmigung
erst bekommen, nachdem unser Schiff von aussen sauber sei. Mittlerweile war
klar geworden, dass etwas weiter weg auf dem Containerterminal ein
Tankcontainer geplatzt war. Der Inhalt lief ueber die Abfluesse bis ins
Hafenbecken, wo es auf unser Schiff traf. Wir hatten den Hafenarbeitern schon
zu Anfang gesagt, dass das Zeug vom Terminal kaeme, aber es hatte sie schlicht
nicht interessiert.

Die Pollution Fighter Firma kam mit ihrer Aufgabe nicht
klar: Da steht ein spezieller Tankwagen an Land, ein Maenneken haelt einen
Schlauch in Wasser, um das Oel abzusaugen. Alle paar Sekunden muss er die
Schlauchoeffnung von Plastikflaschen, Dosen, Holzstuecken & sonstigem Muell
befreien. Nach einiger Zeit gab die Firma auf & die Firma Maritime Antwerp
Cleaning kam mit einem Spezialschiff & einem Tankwagen. Dieses Unternehmen
– MAC -  kennen wir schon von unserer Zeit im Trockendock mit der Eilbek.
Das ging professioneller vor & reinigte auch unser Schiff von aussen. Den
Vorarbeiter habe ich um 0100 gesprochen. Er meinte, das Zeug sei eine Art
Baumharz. Die Kosten pro Stunde: Einsatz Spezialschiff 360EUR, LKW 150EUR,
Maenneken 30-40EUR. Mehrere Stunden war MAC am machen & tun. Waehrenddessen
hatte ich mich
mit der Kuehlcontainerliste beschaeftigt. Der Dritte hatte zwei Listen &
war mit dem uebertragen nicht fertig geworden. Er meinte, ich haette womoeglich
einige Fehler gemacht. Tatsaechlich war es so, dass alle “meine”
Container korrekt waren, dass er oder sein Matrose aber einige Staupositionen
mehrfach vergaben. Dieses Korrigieren hat Stunden gedauert, obwohl ich es ganz
systematisch gemacht habe.

Um drei kam wieder ein Dockmaster,
der sagte wir muessen auf einen Vertreter des Schiffahrtsgerichtes warten. Als
dieser um kurz vor fuenf immer noch nicht da war, habe ich unseren Agenten
angerufen. Der sagte dann, wir haetten gruenes Licht & sollen um acht
losfahren. Schon wieder eine Verschiebung: Erst war 2200 Uhr geplant, dann
0200, dann 0600 & nun 0800. Selbst als ich die Wache schon um 0600 an den
dritten Offizier uebergeben hatte, war nicht Schluss: Beim Ablegen &
Schleusen musste ich schon wieder auf der Achterstation sein, so dass ich erst
um 0930 fertig war.

 

nnnn

 

Sonntag, 23. Mai 2010

75 Rihtniemi

75  Rihtniemi 21.05.2010    

 

Unsere Strahler sind kaputt. Genaugenommen funktionieren
sie, aber das Anmachen ist problematisch: Wegen eines Fehlers auf einer von
fuenf elektronischen Steuerkarten kann man Bug- & Heckstrahler nicht
einfach so starten. Mit einem – abenteuerlichen – Trick gelingt es
manchmal. Manchmal aber auch nicht, es gibt immer nur einen Versuch & wenn
es nicht klappt, brauchen wir einen Schlepper, oder sogar zwei wie letztens in
Baltiysk. Zum Glueck sind die da sowieso vorgeschrieben, das heisst bezahlt
werden muessen sie vom Charterer. Wo jedoch wie heute morgen in Rauma,
Schlepper nicht vorgeschrieben sind, muss unsere Reederei die Schlepperei
selbst bezahlen.

Es ist hier an Bord unschoen geregelt mit dem An- &
Ablegen; bei jedem Anlegen muessen alle Offiziere mitmachen, das war ok, als
wir die Atlantiktour hatten, aber fuer den Betrieb als Zubringer- &
Verteilerschiff (Feeder) ist das keine gute Loesung, schliesslich habe ich im
Hafen sowieso taeglich 12 Stunden Dienst (24-06 & 12-18 Uhr) & bisher
war das Anlegen hier immer ausserhalb meiner Wachen. Der Nordostseekanal ist
von der beschriebenen Regelung ausgenommen.

Im Nordostseekanal began meine erste Wache dieses Einsatzes,
in einer Brunsbuetteler Schleuse. Ich hatte mich gewundert, dass es da auf der Bruecke
nur drei Becher gab, was fuer eine Passage des “Grabens” viel zu
wenig ist: Ausser dem Wachoffizier sind ja auch noch ein Lotse, zwei sich
abwechselnde Kanalsteurer & manchmal noch der Kapitaen auf der Bruecke.
Darueberhinaus wechselt der Lotse in Ruesterbergen, etwas westlich von
Rendsburg.

Gestern aber habe ich die anderen  Becher gefunden –
im Brotkasten.

Der finnische Lotse ging vorhin von Bord. Wir fahren nun von
Rauma/Finnland nach Gaevle/Schweden, das wird eine ruhige Ueberfahrt.

nnnn

 

Montag, 17. Mai 2010

74 Baltiysk 17.05.2010

74  Baltiysk 17.05.2010      54° 39´ N 019° 47´ E

 

 

Kuerzer als erhofft war mein Urlaub, seit vorgestern bin ich
schon wieder an Bord, diesmal wieder BARMBEK. Mit diesem Schiff war ich im
letzten Jahr als Dritter Offizier schon unterwegs, damals fuhr es zwischen
Mittelmeer und Kanada hin & her, das tut es jetzt leider nicht mehr.
Stattdessen verbindet es Nord- & Ostsee, diesmal bin ich wieder Zweiter
Offizier wie auf dem letzten Schiff auch. Wir liegen nun vor Anker auf der
Reede von Kaliningrad, genauer gesagt vor Baltiysk. Es ist kurz vor vier Uhr
morgens, der Chiefmate loest mich
gleich ab, dann kann ich schlafen. Unsere Schiffszeit ist mit der deutschen
Zeit identisch, draussen sind es neun Grad, leichter Nordwestwind, bewoelkt.

nnnn

 

Freitag, 26. März 2010

73 An Land

Am 23.03.2010 ging ich von Bord in Antwerpen. Bin nun wieder zurueck
in Deutschland.

Freitag, 19. März 2010

72 Frankreich 19.03.2010

72 Frankreich 19.03.2010 51° 01’N 002° 11’E

In Leixoes, Vigo & den Zeiten dazwischen waren wir neben unseren normalen
Bordjobs damit beschaeftigt, unser Schiff auf den Transfer in eine andere
Firma & unter eine andere Flagge vorzubereiten. Das kommt in der Schiffahrt
manchmal vor, ist also selten aber normal. Ungewoehnlich ist es, wenn wie
bei uns, das ganze Verfahren vorlaeufig gestoppt wird & alle Massnahmen
wieder rueckgaengig gemacht werden muessen (Wieder Registerhafen neumalen
auf Rettungsbooten, -ringen usw usw.)
Dummerweise erwartet unser Schiff Ende Maerz ein sogenanntes Audit unseres
Flaggenstaats (Vereinigtes Koenigreich von Nordirland & Grossbritannien).
Das ist eine sehr ausfuehrliche Inspektion, bei der nicht nur diverse
Dokumente & Ausruestungen geprueft werden, sondern auch die Besatzung. Die
muss dann Fragen beantworten, Dinge zeigen, vorfuehren & normalerweise wird
auch die Vorfuehrung von Feueruebung o.ae. verlangt. Das Ganze ist so
umfangreich, dass die fuer Qualitaetsmanagement u.a. zustaendige Person der
Reederei mit 2 Mitarbeitern an Bord kommt, um Besatzung & Schiff darauf
vorzubereiten. Ich werden von dem kaum was mitbekommen, da ich vorher
aussteige.
Als wir Vigo hinter uns hatten, ich gerade um halb vier nachmittagsdie Wache
vom Kapitaen uebernahm & durch Schiffe & Fischerboote navigierte, kam ein
Telex. Um die Zeit kommt normalerweise nie was, da habe ich ihn gefragt, ob
wir wieder einen ausserplanmaessigen Anlauf in Teesport haben. In dem Moment
las er schon vor "....immediate call to Dunkerque....". Somit sind wir nun
im Westhafen von Duenkirchen. Hier faellt eines auf: Das Wasser ist grau,
der Himmel ist grau, das Terminal ist grau, die meisten Container (Maersk)
ebenfalls, die Containerbruecken sind grau, das Terminal gegenueber ist grau
(Erzumschlag) & selbst die Dinge, die sonst bunt sind/waren wie einige
Hafenkraene & Container, wirken - wegen Erzstaub oder Dunst - auch grau.
Ziemlich trueber Ort also, ein Industriehafen eben.
nnnn

Montag, 15. März 2010

71 Leixoes Reede 15.03.2010

71 Leixoes Reede 15.03.2010 41° 09,5’ N 008° 46,0’ W

Mein MeisterAnker-Wecker ist inzwischen voellig unzuverlaessig, manchmal
bleiben die Zeiger stehen, manchmal klingelt er einfach nicht. Die Wecker in
den Mobiltelefonen sind nicht laut genug. Somit bin ich auf Weckanrufe
angewiesen. Waehrend es beim Chiefmate & bei mir die absolute Ausnahme ist,
dass wir mal irgendwo bzw irgendjemanden zu spaet anrufen, ist es bei
Emiliano, dem Dritten Offizier, leider umgekehrt.
Mir bleibt zum Mittagessen nur eine Viertelstunde: 5 Decks runtergehen,
essen, 5 Decks rauf, Funkgeraet schnappen & noch ein Deck hoeher. Fuer
Vorsuppe ist da keine Zeit & mein Nachtischobst nehme ich mal wieder mit auf
die Bruecke.
Emil sagt mir, dass um zwei der Lotse kaeme, wir mithin um eins die
Hauptmaschine starten sollen. Ich nehme das erstmal so hin & mir vor,
nachher erstmal von den Lotsen hier eine Bestaetigung einzuholen, ob die
Zeit tatsaechlich stimmt. Denn auf der elektronischen Seekarte sehe ich,
dass unser Stammplatz gar nicht frei ist. Eine Dreiviertelstunde spaeter
erfahren wir vom Agenten, dass wir erst heute Abend um acht oder neun
reingehen sollen (Ortszeit, Schiffszeit also neun oder zehn Uhr).

Zusammenfassung unserer bisherigen Rundreise: Wie berichtet fahren wir
wieder auf unserer alten Route Antwerpen-Portugal-Spanien. Geaendert hat
sich wenig. Auf dem Hinweg mussten wir Cadiz auslassen, als wir in Valencia
ankerten, kam die Duenung von Nordosten, der Wind aber meistens aus
Nordwest. Mit unserem korrigierten GM von 2,15m rollten wir die fast die
ganze Zeit tuechtig hin & her. Die Seitenneigung betrug 35°. Vielleicht noch
mehr, aber die Skala auf unserem Klinometer hoert bei 35° auf. Jedenfalls
haben wir da 2 Tage am Stueck nicht geschlafen, ausserdem sahen unsere
Kammern chaotisch aus. Dass wir schaukeln ist ja nichts Neues fuer uns, aber
bei ueber 30° verrutschen sogar Sachen, die auf Elefantenhaut auf’m
Fussboden stehen bzw liegen.
Die Steuerbordwinde achtern ist immer noch kaputt, wir haben uns zwar in
gewisser Weise daran gewoehnt, aber es ist dennoch ein bloedes Gefuehl, dass
wir immer die Stelle sind, auf die alle anderen warten muessen, obwohl alles
mittlerweile ziemlich fluessig laeuft. Aber wir machen achtern immer mit
vier Leinen fest. D.h. beim Anlegen muessen 2 Leinen auf Schiffspollern
belegt werden, bei 2 Trommeln muessen die Bremsen angezogen werden.
Zwischendurch wird die Winde min. dreimal aus- & wieder eingekuppelt, fieren
& hieven (= Leine rausgeben & festziehen) muessen wir ja auch noch. Das
alles dauert eben seine Zeit. Besonders aetzend ist mit Steuerbord
anzulegen, denn dass dann die benutzte Winde 27 Meter weit weg ist,
erleichtert die Sache nicht gerade.
Mit Verlassen Valencia waren wir auf dem Rueckweg. Diesmal war ich der
Glueckliche, der die Gibraltarpassage in der Wache hatte. Macht mir aber
inzwischen nichts mehr aus, obwohl es diesmal tagsueber war & viel mehr
querende Faehren unterwegs sind als nachts. Der Kapitaen kam auch mal kurz
hoch, aber eigentlich nur, um sich mit’m Fernglas Algeciras anzugucken.
Dieser spanische Hafen ist gar nicht klein, 20 Containerbruecken konnten wir
zaehlen.
Der zweite Ingenieur wird bald nach Hause gehen. Von Tankern &
Grosscontainerschiffen ist er gewoehnt, viel auf See zu sein & selten im
Hafen. (Bedeutet bei uns ist es viel stressiger) Ausserdem ist neu fuer ihn,
dass er als Zweiter Ingenieur selbst mitzuarbeiten hat. Er kann das aber
kaum vermeiden, denn nun haben wir einen Leiter der Maschinenanlage
(=Chief), der manchmal selbst mit anpackt. So hat das Kolbenwechseln
letztens nicht 8-10 Stunden gedauert wie sonst, sondern nur 6. Der Zweite
muss seine Heimreisekosten selbst tragen, aber das ist ihm egal.
Unsere vier Containerschiffe werden von der Wappen-Reederei an eine
Schwesterfirma uebertragen. Das Management macht dann die Reederei Hamburger
Lloyd, die nach Liberia umflaggt. Somit gibt es nebenbei einiges zu tun: Es
werden nicht nur die neuen Reedereiwappen am Schiff gemalt, sondern auch die
anderen Sachen neu gemacht. Weil sich Heimathafen & Rufzeichen aendern,
werden bei Rettungsbooten, -inseln & -ringen die Aufschriften entsprechend
aktualisiert, neue Stempel bestellt usw, sodass dann in Antwerpen „nur“ noch
der Papierkram zu erledigen ist. Das groesste Glueck bedeutet die Umstellung
fuer den Dritten Offizier: Die neue Reederei faehrt mit echten
elektronischen Seekarten, die die offiziellen Anforderungen erfuellen.
Dadurch entfaellt das Korrigieren der Papierkarten.
Bevor wir unter Liberiaflagge losfahren, gehe ich von Bord, in Antwerpen
werde ich abgeloest.

www.currus.twoday.net

nnnn

Samstag, 13. März 2010

70 Englischer Kanal 03.03.2010

70 Englischer Kanal 03.03.2010 50 40 N 000 37 W

Um Mitternacht bin ich auf der Bruecke, aber der Dritte Offizier uebergibt
mir die Wache nicht, da er von 00.10 bis 00.20 eine Kursaenderung mit
Einfaedelung in westgehenden Schiffsverkehr selbst machen will. Das ist zwar
ungewoehnlich, da 10 Minuten fuer die Vorbereitung dicke ausreichen, aber
dass er das Manoever selbst faehrt ist absolut in Ordnung. Derweil gibt es
fuer mich kaum was zu tun, ich mache zwar eine Radarpeilung, aber dann
traegt er ploetzlich dem Kadetten auf, eine GPS-Position zu plotten, dann
kann ich gar nichts machen, ausser das Zweitradar korrekt einzustellen: Weil
es nicht regnet, drehe ich den Regenfilter auf Null & den Seegangsfilter
soweit runter, dass das thermische Grundrauschen auftaucht. Unser Schiff
platziere ich auf dem Radar so, dass ich mit dem naechsten Kurs moeglichst
weit vorausgucken kann. Nebenbei gucke ich auf unseren Ruderlagenanzeiger &
als ich sehe, dass der Dritte mit einem sogenannten Tiller bei unserer
Geschwindigkeit von knapp 20 Knoten 10 Grad Ruder legt muss ich
einschreiten. Denn wir haben ein Hochleistungsruder („Becker-Ruder“) & darum
sollte man nicht mehr als 5 Grad Ruder legen. Die wirkenden Kraefte sind
sonst einfach zu gross. Ich lasse ihn also die Ruderlage auf 5 Grad
reduzieren, dennoch konnte ich merken, dass seine Handlung der Hauptmaschine
nicht guttat: Obwohl wir uns auf der Bruecke ca. 9 Stockwerke ueber der
Maschine befinden, spuere ich, dass sich Schiffsvibration & Grundgeraeusch
(wird tiefer) aendern. Wir haben grosses Glueck gehabt, dass der
Wellengenerator nicht abgesprungen ist, sonst haetten wir Stromausfall
gehabt. Und das ist nicht gut, vor allem nicht in einer der meistbefahrenen
Schiffahrtsstrassen der Welt.
Ich kann dann um die Wache uebernehmen. Ueber Funk hoere ich die
Verkehrsueberwachungsstelle „Dover Coastguard“, die mit der „Bremer Reeder“
kommuniziert. Die faehrt mit 7 Personen & Windmuehlen von Emden nach
Montoir. Kurze Zeit spaeter gebe ich unsere entsprechende Meldung an Dover
Coastguard ab. Dover selbst liegt um 0142 Uhr 7 Meilen nordwestlich von uns,
selbst nun bei Nacht kann ich die weissen Klippen erkennen. Dover lebt glaub
ich im Rhythmus der Kanalfaehren. Auf die muss ich natuerlich auch noch
aufpassen.
Navigatorisch habe ich darueberhinaus die Aufgabe, 5 Schiffe zu ueberholen.
Unsere Fahrspur ist zwar hier ueber 2 Meilen breit, aber in einer Stunde
passieren wir die Sandbank Varne. Die ist durch Feuerschiffe & Tonnen
markiert, sodass sich die hohle Gasse, durch die wir kommen, auf 3000 Meter
verengt. Hoert sich zwar viel an, aber wegen der o.g. anderen Schiffe ist
das gar nicht so viel. Dahinter knickt die Spur nach steuerbord ab. Um keine
Zeit zu verlieren lasse ich die hinteren drei Schiffe rechts von mir liegen
& fahre dann an die aeussere Grenze der Fahrspur. Hier muss ich allerdings
aufpassen, die Grenze nicht zu ueberfahren. Es ist zwar tief genug usw, aber
das Gebiet wird streng ueberwacht von Dover Coastguard & manchmal verschickt
die Behoerde auch Bussgeldbescheide (meist vierstellige Pfundbetraege). Die
vorderen beiden Schiffe bleiben dann links von uns, wir ziehen dran vorbei &
aendern unseren Kurs, ohne um andere Fahrzeuge herumfahren zu muessen.
Spaeter muessen wir noch viele andere Fahrzeuge ueberholen, wir sind einfach
zu schnell, fahren seit langem zum ersten Mal wieder mit voller
Geschwindigkeit, um rechtzeitig in Vigo anzukommen. Um 4 Uhr ist unsere
Position 50°39,8’N 000°36,7’E, der Erste Offizier ist noch nicht da. Um
04.08 peile ich den Leuchtturm Royal Sovereign auf dem Radar mit 318 Grad,
der Abstand betraegt 6,9 Meilen, um diese Zeit aendere ich wieder den Kurs.
Nun ist auch der Chiefmate da, er faehrt weiter & ich kann schlafen gehen.
Beim Leuchtturm wette ich darauf, dass er nach einem dort untergegangenen
Schiff benannt wurde. Dies war ein Versuch einer Art Live-Berichterstattung.
Es ist wohl verstaendlich, dass ich waehrend der Wache nicht formulieren
konnte, aber aus kurzen Notizen, Seekarte usw habe ich es nun geschrieben.

Weitere Berichte: www.currus.twoday.net

nnnn
logo

Jentaculum

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Menü

Aktuelle Beiträge

RE: 74 bis 77 Kenos Barmbekblog
79 Gaevle 06.06.2010     60°...
Currus - 11. Jun, 16:10
76 Antwerpen-Delwaidedok...
76 Antwerpen-Delwaidedok 27.05.2010          ...
Currus - 30. Mai, 16:27
75 Rihtniemi
75  Rihtniemi 21.05.2010    ...
Currus - 23. Mai, 19:32
74 Baltiysk 17.05.2010
74  Baltiysk 17.05.2010     ...
Currus - 17. Mai, 07:32
73 An Land
Am 23.03.2010 ging ich von Bord in Antwerpen. Bin nun...
Currus - 26. Mrz, 11:13

Links

Suche

 

Status

Online seit 1264 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Jun, 16:10

Credits

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page

twoday.net AGB


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren